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Hightech von der Schwäbischen Alb soll autonomes Fahren ausfallsicher machen

Avatar of adm_nerz adm_nerz 14. November 2018 Technik

Hightech von der Schwäbischen Alb soll autonomes Fahren ausfallsicher machen

Autofahren könnte künftig so entspannend sein wie ein Nachmittag auf dem Sofa: Der Lenker des Wagens lehnt sich zurück, legt die Füße hoch und steuert das Fahrzeug durch das Drücken weniger Knöpfe. Dieses Szenario hat jetzt eine Firma auf der Schwäbischen Alb ein Stück wahrscheinlicher gemacht. Durch Space Drive, eine Erfindung der Firma Paravan, wird die Lenkstange überflüssig. Egal, ob der Fahrer links oder rechts sitzt, ob er das Fahrzeug per Joystick oder Smartphone steuert – es ist individuell anpassbar. „Unser System ist einzigartig auf der Welt. Man kommt an uns quasi nicht mehr vorbei, wenn es um Autonomes Fahren geht“, sagt Paravan-Geschäftsführer Roland Arnold.

Bei Space Drive handelt es sich um ein digitales Steuerungssystem nach dem Drive-by-Wire-Prinzip, also dem Steuern von Fahrzeugen per Kabel. Lenkung, Gas und Bremse werden elektronisch angesteuert, die mechanische Verbindung zu Fahrwerk und Motor ist nicht mehr nötig. Space Drive ist das erste System seiner Art mit Straßenzulassungen weltweit. „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Rund 700 Millionen Straßenkilometer haben wir mit Space Drive bisher zurückgelegt. Unfallfrei“, verdeutlicht Arnold. Ausfallsicher wird Space Drive, weil es dreifach abgesichert ist. Das heißt, dass die Steuerungsaufgabe parallel von jeweils drei identischen Prozessoren bearbeitet wird, die sich gegenseitig kontinuierlich überwachen.

Erfunden für anderen Zweck

Dabei ist die Firma Paravan ursprünglich gar nicht auf Autonomes Fahren spezialisiert. Das Unternehmen baut nämlich Fahrzeuge verschiedener Marken um, damit sie behindertengerecht sind. Was heute bahnbrechend für die Entwicklung im Bereich Autonomes Fahren ist, hat Arnold also eigentlich für einen anderen Zweck entwickelt: Space Drive bildet die Voraussetzung, um selbst Schwerstbehinderten ohne Beine und ohne Arme das Führen eines Fahrzeugs zu ermöglichen.

Die Achselhöhle kann ausreichen, um mithilfe des Systems im Straßenverkehr sicher zu fahren. Paravan ist inzwischen Weltmarktführer für behindertengerechte Fahrzeuglösungen. „Alles aus einer Hand, das ist unser Prinzip“, so Arnold. Das Unternehmen wurde bereits mit Dutzenden Preisen und Urkunden ausgezeichnet, unter anderem mit dem Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft.

Der Schweizer Automobildesigner Frank M. Rinderknecht zeigt mit seiner Studie „XChange" die Zukunft des automatisierten Fahrens. Das Elektrofahrzeug hat er mit dem ausfallsicheren Drive-by-Wire-System Space Drive, das in Pfronstetten entwickelt wurde, konzipiert. Space Drive ist eine Erfindung, die viele Unternehmen der Automobilbranche gerne für sich nutzen würden. Das ausfallsichere und umfänglich bewährte System wurde dabei nicht etwa im Silicon Valley oder in China entwickelt, sondern mitten im beschaulichen Aichelau mit 270 Einwohnern zwischen Riedlingen und Reutlingen. Wenn der Geschäftsführer von „seinem Baby“ spricht, dann sprudelt es aus ihm nur so vor lauter Euphorie und Überzeugung. „Ich will die Revolution, die der Autobranche bevorsteht, hautnah erleben. Und mit Space Drive werde ich auch mittendrin stehen“, sagt Arnold. Mittendrin scheint er auch ständig auf dem Gelände von Paravan zu sein. Seine schwäbischen Wurzeln sind ihm anzumerken, wenn er im Dialekt mit seinen Mitarbeitern spricht. Und seine Tüftler-Wurzeln hat er nicht vergessen, von morgens bis abends trifft er sich mit den Managern der Autokonzerne, und dazwischen ist er für seinen Kunden da: Der Moment, wenn ein Kunde mit schwerer Behinderung sein umgebautes Auto auf dem Hof von Paravan entgegennimmt, sei einzigartig.

Von der Idee zur Umsetzung

Als der Geschäftsführer 1998 seine Firma gegründet hatte, war das alles noch nicht absehbar. Ursprünglich konnten Kunden bei ihm lediglich Reifen wechseln. Die Idee, Fahrzeuge für Menschen mit Behinderung individuell umzubauen, kam ihm auf einer Autobahnraststätte. „Damals bin ich noch als Mähdrescher-Fahrer noch in ganz Deutschland unterwegs gewesen und habe bei einem Stopp eine Frau beobachtet, wie sie ihren schwerbehinderten Mann ins Auto hieven wollte.

Ich habe geholfen. Dabei hat sie zu mir gesagt, wie demütigend es für sie wäre, ihren Mann wie einen Hund im Kofferraum unterzubringen. Das Erlebnis hat mich nicht mehr losgelassen“, erzählt der 53-Jährige. Nach der Begegnung habe er recherchiert und sich zum Ziel gesetzt, ein System zu entwickeln, das es Menschen auch mit schwerster Behinderung ermöglichen soll, mobil zu sein. „Ich habe mir gedacht: Wenn es so etwas noch gar nicht gibt, ist das meine Chance, etwas zu entwickeln“, sagt der Geschäftsführer von Paravan. Richtungsweisend war die Idee eines redundanten Systems.

Ob Paravan mit Space Drive noch lange Marktführer bleiben kann, das scheint für Experten eher fraglich. „Ich bin mir sicher, dass Google und andere Großkonzerne mit ihren Forschungen zum Autonomen Fahren ähnliche Lösungen entwickeln. Außerdem kann auch das vierfache Absichern eines solchen Systems möglich sein“, erklärt Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. „Wenn man das Autonome Fahren mit einem Legobaukasten mit hundert Teilen vergleicht, dann wäre Space Drive eines dieser hundert Teile. Was Paravan da hat, ist ein Detail für den Bereich des Autonomen Fahrens und mehr nicht.“ Es werde sehr viel Wettbewerb um das Autonome Fahren geben und derzeit habe das Silicon Valley und China in vielen Dingen die Nase vorn. Ich bin mir sicher, dass Google und andere Großkonzerne mit ihren Forschungen zum Autonomen Fahren ähnliche Lösungen entwickeln."

Dennoch, das Interesse für Space Drive vonseiten der Autoindustrie ist groß. Viele große Firmen kaufen das System für ihre Produkte, darunter BMW, Bosch, Continental, Fraunhofer, Liebherr, Honda, Local Motors oder auch Mercedes-Benz, Siemens, Rheinmetall und Renault. Viele Konzerne waren laut Paravan daran interessiert, Space Drive für sich zu gewinnen. Ob auch der Friedrichshafener Autozulieferer ZF unter den Interessenten war? „Dazu äußern wir uns nicht“, heißt es auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ bei ZF. Zumindest verbaut das Unternehmen Space Drive bereits in einem hochautomatisierten Lieferfahrzeug, dass im Juli erst bei den Technology Days vorgestellt wurde.

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Paravan-Chef Roland Arnold jedenfalls konnte zwischen den Interessenten auswählen – und er entschied sich am Ende für ein Joint Venture mit dem fränkischen ZF-Konkurrenten Schaeffler. Mit dem gegründeten Gemeinschaftsunternehmen Paravan Schaeffler Technologie GmbH & Co. KG will Arnold die Automobilindustrie revolutionieren: „Wir haben die Basis geschaffen, jetzt muss es weitergehen. Mit der Kooperation mit Schaeffler kann Space Drive in Serie gehen“, sagt Roland Arnold. Sein eigenes Unternehmen gehört nun zu 25 Prozent zur Schaeffler AG, die auch 90 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen Schaeffler Paravan hält. Beide Firmen schweigen darüber, was für die Technik von Paravan bezahlt wurde. Schaeffler hatte jedoch davor angekündigt, sich mit Akquisitionen zwischen 100 und 500 Millionen Euro verstärken zu wollen. „Für Schaeffler ist die getroffene Vereinbarung ein Meilenstein“, sagt Peter Gutzmer, Technologie-Vorstand bei Schaeffler. Der Erwerb der Technologie von Paravan ermögliche es Schaeffler, im Zukunftsmarkt des Autonomen Fahrens Fuß zu fassen. „Daher ist die Transaktion für Schaeffler ein weiterer wichtiger Schritt im Rahmen der Umsetzung der Strategie ,Mobilität für morgen’.“

Und damit gleichzeitig ein wichtiger Schritt, damit das Autofahren der Zukunft bald so so entspannend ist wie ein Nachmittag auf dem Sofa.

Zur Firma Paravan:

Rund 180 Mitarbeiter beschäftigt die Paravan GmbH derzeit. Der Hauptsitz mit Verwaltung und Fahrschule befindet sich in Pfronstetten-Aichelau. Weitere Niederlassungen gibt es in Paderborn, Heidelberg, Hamburg und Köln. 1998 als Ein-Mann-Reifenfachbetrieb gegründet, wurde das Unternehmen 2006 zur GmbH umgeformt. Seit 2016 ist die Firma komplett bankenunabhängig. Der Umsatz von 2016 liegt bei 25.880.229 Euro, das entspricht einer Wachstumsrate im Vergleich zum Vorjahr um 26,5 Prozent. Zu aktuellen Zahlen schweigt Geschäftsführer Roland Arnold.
Der Gewinn jedoch sei 2017 „sehr zufriedenstellend“ gewesen. Insgesamt hat Paravan laut eigenen Angaben bisher 7500 Space-Drive-Systeme verbaut, 500 pro Jahr. Die Zahl der umgebauten Fahrzeuge für Menschen mit Behinderung liege weitaus höher. Um diese Menschen weiter zu unterstützen, haben Roland Arnold und seine Frau Martina im August 2010 eine Stiftung gegründet. Sie setzt sich im Besonderen für die Belange behinderter Kinder ein, die kaum Hilfe von den Sozial- bzw. Rentenversicherungsträgern erhalten. (seli) 

 

Quelle: Schwäbische Zeitung vom 10.11.2018, Selina Ehrenfeld

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